eine Flächenbahn von N.Kricke

 

Beim Frühlingskonzert 2016 (Foto: M.Stracke)


 

Norbert Kricke ist der überragende Künstler der informellen Skulptur.

Diese lässt sich mit der informellen Malerei insofern vergleichen, als dass der Formauflösung in der Malerei die Auflösung des plastischen Körpers in der Skulptur entspricht. 1950 beginnt Kricke, angeregt von einem Drahtgerüst für eine figürliche Plastik, ungegenständliche Raumplastiken zu schaffen.

Materialien der modernen Bau- und Stahlverarbeitungsindustrie verdrängen in seinen Skulpturen die traditionelle Bildhauerei. Sie bestehen vorwiegend aus geschnittenen oder rohrförmigen Rundstäben, Drähten und Platten aus Stahl mit Chromnickel, was ihren technoiden Charakter unterstreicht. Mit den dünnen, teils gebogenen oder geraden Drahtstäben eignet sich Kricke in seiner bildhauerischen Tätigkeit das ureigene Medium der Zeichnung an, denn seine Formationen aus Drahtstäben sind wie Linien auf einem Blatt Papier.

Der Stahldraht als plastisches Äquivalent zur Linie dient jedoch nicht dazu, Gegenstände zu umgrenzen, sondern er versteht sich als ein Richtungsanzeiger in den Raum. Somit schafft Kricke eine völlig offene, in den Raum ausgreifende und dynamische Skulptur. [Unser] Exemplar gehört zu der Reihe der sogenannten 'Flächenbahnen', die seit Mitte der fünfziger Jahre entstehen.

Es handelt sich dabei um plane Reihungen von Stäben, die an den Rändern zerfasern und somit das Sehen aktiv über das faktische Ende der Linien in den freien Raum hinausführen. Kricke verwirklicht die Idee einer offenen Plastik entschiedener als seine Zeitgenossen, indem er explizit den Raum in die Gestaltung der Skulptur miteinbezieht.

Der Blick des Betrachters soll sein Ziel nicht mehr in der Plastik finden, sondern von ihr ausgehend in die Unbegrenztheit des Raumes gelenkt werden. Die Skulptur wird so zu einem künstlerischen Instrument, das den Raum als solchen und die Bewegung im Raum erfahrbar macht.
Schon 1954 beschreibt Kricke die Leitidee seiner Arbeit: "Mein Problem ist nicht Masse, ist nicht Figur, sondern es ist der Raum und es ist die Bewegung".
(zit. nach: Gerd Hatje (Hrsg.), Norbert Kricke 1922-1984, Stuttgart 1984, o.P.)